Münchner
Friedensbündnis

Münchner Friedensbündnis - c/o
Friedensbüro e.V.,
Isabellastr. 6, 80798 München

Amira Hass ist die einzige jüdisch-israelische Journalistin, die in Palästina lebt.
Amira Hass, Haaretz, 8.8.06
Die Al-Manar-Fernsehstation der Hisbollah würde die Ansicht als
weibisch und sentimental zurückweisen, daß Völker
keinen Krieg gewinnen können. Wie andere arabische Analysten
betrachten sie den Angriff auf israelische Zivilisten und das
Bekämpfen der israelischen Streitkräfte in heftigen
Schlachten als einen arabischen Sieg. Aber wo ist der Sieg für die
1000 Libanesen, die die israelische Armee getötet hat? Worin
besteht der Sieg für eine Million Menschen, die ihre zerbombten
und zerstörten Häuser verlassen mußten? Sind solche
Verluste es Wert, nur um zu demonstrieren, daß eine
Guerillagruppe sich einer regulären Armeen stellen kann und eine
israelische Schwäche bloßstellt.
Auf der andern Seite wird aus dem Nicht-Sieg der anderen Seite kein
israelischer Sieg, selbst wenn Israel die Zahlen der
Hisbollah-Kämpfer verdreifacht und die Zahl der libanesischen
Mütter, die bisher getötet wurden, verdoppelt. Selbst wenn
die israelische Luftwaffe tausend Dörfer auslöscht, es bringt
die getöteten Israelis nicht zum Leben zurück.
Das Trauma und die wirtschaftlichen Zerstörungen werden weiterhin
das Leben der Menschen beeinträchtigen. Selbst wenn das
Waffenstillstandsabkommen näher an den israelischen Vorstellungen
liegt als bei denen des Libanons, es wäre trotzdem kein Sieg.
Israels Beharren auf dem Recht, unilateral die Regeln für die
Region festlegen zu können, verlängert und vertieft seinen
Charakter als ein fremdes Element in ihr. Israels zukünftige
Generationen werden weiterhin für diese Hartnäckigkeit
bezahlen müssen.
Es ist keine Überraschung, daß dieser Krieg noch nicht mit
einem fürchterlichen Schlag beendet wurde. Über sechs Jahre
hinweg hat die israelische Armee ihre Soldaten daran gewöhnt, ihre
Angriffe in den besetzten Gebieten als "Kämpfe" und "Schlachten"
anzusehen. Sie pflegten den Mythos, daß es eine Symmetrie
gäbe zwischen der modernen regulären israelischen Armee und
Gruppen von Palästinensern, die mit leichten Waffen und
selbstgestrickten Bomben bewaffnet sind und zwischen den Panzern und
Hubschraubern, die ihre Häuser und Felder zerstören,
herumhuschen. Es gab in der Tat einige wenige Ereignisse, bei denen die
Palästinenser mit Guerillaaktionen erfolgreich waren und Truppen
getötet oder verletzt haben. Aber diese waren die Ausnahme. Die
Selbstmordanschläge innerhalb Israels bescheinigen die
militärische Schwäche der palästinensischen
Organisationen.
Jetzt hat der israelische Armee Soldaten in den Libanon geschickt,
denen man beigebracht hatte, daß Kriegführung
Häuser-platt-machen mit Panzern und Raupenschleppern bedeutet,
daß unter einer Schlacht das Beschießen von Kämpfern
mit Kalaschnikows, mit denen man nicht einmal die Oberfläche eines
Panzers ankratzen kann, vom Hubschrauber aus zu verstehen ist. Diese
Soldaten glauben, daß die Verteidigung der Heimat darin besteht,
in den besetzten Gebieten durch Straßensperren hunderttausende
von Menschen daran zu hindern, wie menschliche Wesen zu leben.
Durch eine andere verdrehte Maßnahme der israelischen Armee der
letzten Jahre gelten Häuser in Nordisrael, deren Bewohner geflohen
sind, um den Katjuschas zu entkommen, als "verlassen". Dies war
schließlich die von israelischen Militärsprechern
ursprünglich benutzte Rechtfertigung für die systematische
Zerstörung von Häusern der Bewohner von Khan Yunis und Rafach
– von Bewohnern, die vor dem massiven israelischen Beschuß
geflohen sind.
Raupenschlepper werden die Häuser der Bewohner im Norden Israels
nicht niederwalzen, aber warum sollten nicht z.B. Diebe alles
mitnehmen, was sie in ihre Hände kriegen. Dies sind
schließlich verlassene Häuser, werden die Diebe zu ihrer
Verteidigung anführen und die Präzedenzfälle zitieren.
Warum reden wir heute darüber? Einmal weil der Krieg –
staatliche Unmenschlichkeit – gegen die Palästinenser
weitergeht. Zweitens weil Israels Doppelstandard und
grundsätzliche Verachtung für alles, was nicht "wir" ist,
besser als die veraltete Ausrüstung und die falsche Ausbildung der
Armee erklärt, weshalb sie bisher und weiterhin solche
Schläge hinnehmen muß. Israel ist überzeugt, daß
seine unbegrenzte Zerstörungskraft im Libanon genau wie in Gaza
und im Westjordanland sowohl eine Abschreckung ist als auch eine
politische Veränderung bewirkt. Es ignoriert den menschlichen
Faktor – daß die Stärke der Palästinenser und der
Libanesen im Gleichschritt mit unserer wachsenden Zerstörungskraft
mitwächst.
Wir sind zu Recht besorgt über das Wohlergehen unserer Bewohner im
Norden, stolz auf ihr Durchhaltevermögen, verstehen diejenigen,
die weggehen möchten, sind schockiert durch den Tod jeder
einzelnen Person und über jede Rakete, die einschlägt, und
identifizieren uns mit allen, die unter der Angst leiden. Man nehme
das, was die Bewohner im Norden seit einem Monat erleiden,
multipliziere es mit 1000, füge eine wirtschaftliche Blockade
hinzu, Strom- und Wasserabschaltungen und kein Einkommen. Dann hat man
den Zustand, wie ihn die Palästinenser im Gazastreifen die letzten
sechs Jahre "gelebt" haben.
Die Israelis erlauben ihrer Armee weiterhin, in den
Palästinensergebieten zu zerstören, platt zu machen und zu
töten. Hier wie im Libanon besteht das wirkliche Versagen der
Nachrichten- und Sicherheitsdienste darin, daß Israel das
Ausmaß unserer ungehemmten, unbeherrschten Verwüstung und
die erstaunliche Leidensfähigkeit der andere Seite ignoriert. Dies
ist der Grund, weshalb Israel den Wahn von "Siegen" hat. Wenn trotz der
unendlichen Leiden der Palästinenser immer noch selbstgebastelte
Raketen auf Sderot abgeschossen werden, dann deswegen, weil sie erkannt
haben, daß Israels Zerstörungskraft nicht dazu dient, die
Kassam- Raketen zu verhindern – oder Gilad Schalit zu befreien.
Sie soll dazu dienen, eine Kapitulationsvereinbarung durchzusetzen, was
aber nicht mit militärischen Siegen, sondern mit
Durchhaltevermögen zurückgewiesen wird.