Rede Matthias Gast - Hiroshimatag 2023 München

Zum Kundgebungsprogramm

Rede zum Hiroshimatag 05.08.2023

6. August 1945. Um 8:15 Uhr Ortszeit drückt Kommandant Tibbets auf den Auslöser. 44 Sekunden rast die Bombe ungebremst auf Hiroshima zu. Ihre Erbauer haben ihr den Codenamen „Little Boy“ gegeben. Der innere Mechanismus ist nie getestet worden. Doch die Ingenieure sind sich sicher, dass „Little Boy“ funktionieren wird. In 500 Metern Höhe setzen Luftdruck- und Zeitauslöser den Zünder in Gang. Im Inneren der Bombe wird ein Urankegel mithilfe herkömmlichen Sprengstoffs in die Urankugel geschossen. Bei der Überschreitung der kritischen Masse steigt die Neutronenstrahlung so schnell an, dass frei fliegende Neutronen immer mehr Uran-Atome spalten und eine Kettenreaktion auslösen. Die freiwerdende Energie der Bombe entsprach etwa der Wirkung von 13.000 Tonnen TNT. Die dabei entstehenden Temperaturen liegen bei 10 Millionen Grad Celsius.

Liebe Freundinnen und Freunde,  


liebe Friedensfreunde, 


liebe Atomwaffengegner,

wir erinnern heute an einen bedeutsamen Punkt in der Geschichte, um an ein Ereignis zu erinnern, das die Welt für immer verändert hat. Morgen, vor 78 Jahren wurde eine furchtbare Waffe eingesetzt, die das Schicksal einer ganzen Stadt besiegelte und eine Narbe in der Menschheit hinterließ, die uns bis heute begleitet. Ich spreche von jenem traumatischen Tag, als die erste Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde.

Der nukleare Höllenapparat traf seine Opfer ohne Warnung. 75.000 Leben wurden in einem Augenblick ausgelöscht. Vor allem Zivilisten, aber auch Militärangehörige sowie chinesische und koreanische Zwangsarbeiter. Kinder, Frauen und Männer. Ein Experiment. Ein Feldversuch. Eine Machtdemonstration.

Am 9. August 1945 wurde die zweite Atombombe über Nagasaki abgeworfen – ihr Name: Fat Man. Die erste abgeworfene Plutoniumbombe mit einer Sprengkraft von 22.000 Tonnen TNT. 40.000 Menschen starben sofort. Ein Fingerschnippen und ganze Familien existierten nicht mehr.

Anschließend starben weitere 200.000 Menschen in beiden Städten an den schweren Verletzungen, Verbrennungen oder der tödlichen Strahlenkrankheit.

Liebe Freundinnen und Freunde,  


liebe Interessierte,

wir haben uns hier versammelt, um an die Opfer zu erinnern und die Lehren aus dieser Tragödie zu ziehen. Wir müssen den Mut haben, die schrecklichen Auswirkungen der Atomwaffen auf das menschliche Leben anzuerkennen, in Erinnerung zu rufen und uns zu verpflichten, eine Welt zu schaffen, in der sich ein solches Verbrechen gegen die Menschlichkeit niemals wiederholen kann.

Wir müssen die Geschichten der letzten Überlebenden hören und ihnen eine Stimme geben, um sicherzustellen, dass ihre Erfahrungen nie vergessen werden. Ihre Zeugnisse erinnern uns daran, dass der Einsatz von Atomwaffen nicht nur Soldatinnen und Soldaten auf dem Schlachtfeld treffen, sondern die ganze Menschheit.

Doch die Erinnerungen verblassen. In einer Welt, die von politischen Spannungen, Konflikten und nuklearer Aufrüstung geprägt ist, ist es bedauerlich, dass viele Menschen diese Gefahr nicht ernsthaft in Betracht ziehen oder sogar komplett ausblenden. Es ist verständlich, dass wir uns manchmal vor einem Horrorszenario verschließen möchten. Die Vorstellung von Massenzerstörung, Massenmord und dauerhafter radioaktiver Verseuchung ist schrecklich und beängstigend. Doch gerade deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir uns mit dieser Möglichkeit auseinandersetzen und unsere Ignoranz überwinden.

Wie uns die Atomwaffen-Lobby mit ihrer Propaganda beeinflusst, sehen wir daran, dass die Sorge um 450 Atomkraftwerke weltweit deutlich höher ausfällt als die Sorge um 14.000 Atomwaffen. Deutschland hat die Atomkraft abgeschafft, die nukleare Teilhabe aber nicht. Würden Russland oder die USA auf jede Großstadt der Welt, wie auch München, eine Atomwaffe abwerfen, hätten sie immer noch 90 Prozent ihrer Atomwaffen übrig. Die Atomkraftwerke werden von Ingenieuren und Physikern betreut, die für dessen Sicherheit sorgen. Sie tun alles dafür, dass sich kein Unglück ereignet. Das ist bei den Atomwaffen zwar auch so, aber letztlich obliegt es den Staatsoberhäuptern sie einzusetzen. Emmanuel Macron, Wladimir Putin, Joe Biden, Xi Jinping, Kim Jong Un... Wenn ihr mich fragt, die gefährlichste Waffe der Welt ist in den Händen von gefährlichen Männern.

Die Atomkriegsuhr, dessen Rat unter anderem von 17 Nobelpreisträgern getragen wird, steht heute auf 1,5 Minuten vor zwölf. 90 Sekunden vor zwölf. Das gabs noch nie. Nicht einmal während der Kubakrise. Nicht einmal während der Tests der Wasserstoffbombe. Wir waren noch nie so nah dran. Es war uns aber auch noch nie so egal.

90 Sekunden vor zwölf ist die neue Realität.

Der Weg dorthin war schleichend und ließ sich daher auch leicht ignorieren.

  • Bereits 2002 verweigerten die Vereinigten Staaten einige Abrüstungsverträge.
  • 2002 traten die USA einseitig vom ABM-Vertrag zurück.
  • 2006 führte Nordkorea seinen ersten Atomwaffentest durch.
  • 2008 führten Pakistan und Indien Atomwaffentests durch, was zu einer Verschärfung der Spannungen zwischen den beiden Ländern führte.
  • 2010 scheiterten die Verhandlungen im Rahmen des Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen.
  • 2014 wurde die Investition von einer Billion US-Dollar in das Atomwaffen-Arsenal der Vereinigten Staaten beschlossen. Man nannte es Atomwaffen-Modernisierung.
  • 2015 folgte der Raketenschild der NATO in Rumänien und 2018 in Polen
  • 2018 zogen sich die Vereinigten Staaten aus dem Iranischen Atomabkommen zurück.
  • 2019 lief der INF-Vertrag aus, was sich auf die Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in Europa auswirken wird.
  • 2019 forderte die polnische Regierung amerikanische Atomwaffen, was demnächst Realität werden könnte.
  • 2020 stiegen die Vereinigten Staaten aus dem Open-Skies-Vertrag aus
  • 2020 verlängerten Russland und die USA den New START-Vertrag zur Begrenzung strategischer Atomwaffen erst in letzter Minute.
  • 2021 stieg Russland ebenfalls aus dem Open-Skies-Vertrag aus.

Man hätte es sehen können, nun ist es bereits 90 Sekunden vor zwölf.

Die Eskalationsspirale dreht sich weiter. Der Krieg in der Ukraine hat die Entwicklung beschleunigt.

  • Deutschland bestellte 2022 neue atomwaffenfähige F35 für über 8 Milliarden Euro.
  • Im August 2022 wurde der New-START-Vertrag von Russland ausgesetzt.
  • Im April 2023 begann Großbritannien gesundheitsgefährdende Uranmunition an die Ukraine zu liefern. Dem Land, aus dem Europa sein Getreide und Mais liefern lässt. Zukünftig mit etwas mehr Strahlung.
  • Im Mai 2023 trat Russland aus dem KSE-Vertrag aus.
  • Im Juni 2023 empfahl der Regierungs-Think-Tank, die „Stiftung für Wissenschaft und Politik“, die atomare Bewaffnung der Ukraine – dem korruptesten Staat in Europa.
  • Ebenfalls im Juni begannen beide Seiten Streumunition in der Ukraine einzusetzen, was die Zivilbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten ausbaden wird.
  • Im Juli 2023 begann Russland mit der Verlegung russischer Atomwaffen nach Belarus.
  • Ebenfalls im Juli sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow, dass die russische Regierung die Lieferung von F16-Kampfjets aufgrund ihrer Fähigkeit, Atomwaffen zu transportieren, als „nukleare Bedrohung“ betrachten werde. F16-Kampfjets wurden 1974 entwickelt, fast 50 Jahre. Sie werden der Ukraine keinen Vorteil bringen, aber sie werden eine Reaktion Russlands provozieren.
  • Und diese Woche traf die USS Tennessee mit 24 atomwaffenfähigen Interkontinentalraketen in Großbritannien ein.

Eskalation bis zum Atomkrieg. Wir haben 90 Sekunden vor zwölf.

Doch nicht nur der Krieg in der Ukraine treibt die Eskalation weiter voran.

  • Im Juni 2023 präsentierte der Iran seine eigene Hyperschallrakete.
  • Indien erhöht sein Atomwaffen-Arsenal, Pakistan ebenfalls.
  • Nordkorea testet neue Raketen. Na gut, daran haben wir uns schon gewöhnt.
  • Die USA wollen ein U-Boot mit Atomwaffen nach Südkorea verlegen.
  • China beabsichtigt sein Arsenal bis 2035 von 400 auf 1.500 Atomwaffen zu erhöhen. Damit wird China ebenfalls fähig jede Großstadt der Welt auszulöschen.
  • Und auch in Syrien treffen die Atom-Supermächte weiterhin regelmäßig aufeinander.

Die Welt steht vor dem Abgrund. 90 Sekunden sind schnell vorbei.

In Zeitraffer betrachtet, eine Entwicklung, die uns früher oder später um die Ohren fliegen muss. Eine Eskalationsspirale wie aus dem Lehrbuch. In einer Eskalationsspirale reagiert jede Seite auf die Handlungen der anderen Seite. Jede Handlung führt zu einer Gegenreaktion. Und jede Handlung verschärft den Konflikt. Ausschließlich Verhandlungen, Dialog und Kompromisse können diesen Zyklus unterbrechen, ansonsten dreht sich die Eskalationsspirale immer weiter.

Doch Verhandlungen sind nicht gewünscht. Der Krieg in der Ukraine müsse auf dem Schlachtfeld entschieden werden. Die Gegenoffensive läuft nach Plan. Die Ukraine gewinnt. Doch in der Realität hat die Ukraine bereits 20 Prozent ihres Territoriums verloren und hunderttausende Soldaten. Die Ukraine wird sich von den menschlichen und materiellen Verlusten sowie den angehäuften Kriegsschulden über Jahrzehnte nicht erholen. Dabei mahnte selbst der UN-Generalsekretär Antonio Guterres seit 1,5 Jahren zu Verhandlungen. Die UN wurde überhaupt erst gegründet, damit der Dialog den Krieg ersetzt. Der Dialog verhinderte bereits 2014 eine große Eskalation in der Ukraine. Der Dialog führte 2019 zu einem Aussetzen der nordkoreanischen Atomwaffentests und zu einer Entspannung zwischen Nord- und Südkorea. Man sprach sogar über eine Wiedervereinigung. Doch mit Dialog verdient man kein Geld, mit Spannungen aber schon.

Die Strategie der Spannung, ein Markenzeichen der NATO, füllt die Kassen. Die NATO beschützt uns vor den Gefahren, die sie selbst verursacht hat. Die gefährliche Konfrontation zwischen den größten Atommächten der Welt, lässt die Aktienkurse nach oben schnellen. Künstlich erzeugte Spannungen durch Militärübungen an der nordkoreanischen Grenze oder Manöver vor Chinas Küste sind im Sinne der Rüstungskonzerne. Geld scheffeln bis zur Apokalypse.

Nur noch 90 Sekunden bis Zwölf.

Nur die Erhöhung des Verteidigungshaushaltes der Bundesrepublik Deutschland von 1,1 Prozent auf 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist so viel Geld, dass Deutschland ganz allein den weltweiten Hunger beenden könnte. Damit bräuchte Deutschland kein Militär mehr, denn niemand würde es wagen, das Land anzugreifen, dass den Welthunger beendet hat. Doch das Geschäft mit dem Tod ist für ein paar Wenige lukrativer als die Investition in ein besseres Leben für alle Menschen. Waffen sind das Produkt, Spannungen erzeugen das Bedürfnis.

Die NATO-Osterweiterung treibt die Spannungen weiter voran. Nicht erst seit 2022, sondern seit über 30 Jahren. Schon Jelzin protestierte 1993 gegen eine geplante NATO-Osterweiterung. Das bedrohliche Vorrücken amerikanischer Raketen an die russische Grenze sorgt bereits seit Jahrzehnten für Spannungen. Und die Russen äußerten zurecht ihre Sicherheitsinteressen. Die Charta von Paris, der OSZE-Vertrag, gab ihnen das Recht dazu. Und zu Unrecht wurden Russlands Sicherheitsinteressen nach demselben Vertrag ignoriert. Im Februar 2008, also vor 15 Jahren, warnte der amerikanische Botschafter William Burns seine Regierung eindringlich vor einer roten Linie. Eine Erweiterung der NATO in die Ukraine und Georgien wird Russland, ich zitiere, „als potenzielle militärische Bedrohung betrachten“. Ähnliche Warnungen waren von anderen amerikanischen Diplomaten und Militärs über Jahrzehnte zu hören. Damit ist der Krieg in der Ukraine immer noch ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg und Russland der Aggressor. Und er muss aufs schärfste verurteilt werden. Doch das Konfliktpotential war bekannt. Der Krieg war vorhersehbar. Die Toten waren vermeidbar.

90 Sekunden vor zwölf. Wir müssen die Zeit zurückdrehen.

Wir müssen uns bewusst machen, dass ein einziger falscher Schritt, eine unbedachte Handlung, ein technischer Defekt oder ein Missverständnis zu verheerenden Konsequenzen führen könnte. Durch das Vorrücken der NATO an die russische Grenze ist die Vorwarnzeit deutlich geringer. Es bleiben höchstens 5 Minuten, um einen Fehler, einen Defekt oder ein Missverständnis zu bemerken. Das ist nicht genug Zeit, um einen Luftschutzkeller aufzusuchen. Nicht genug Zeit, um den Liebsten Lebewohl zu sagen und ein letztes Mal zu umarmen. Es ist gefährlicher als jemals zuvor. Es ist 90 Sekunden vor zwölf.

Es ist unsere Verantwortung, diese Realität anzuerkennen und uns aktiv für eine Welt einzusetzen, in der ein Albtraum wie in Hiroshima und Nagasaki niemals wieder Wirklichkeit wird. Es liegt in unserer Hand, Druck auf Regierungen und politische Entscheidungsträger auszuüben, um Abrüstungsverträge zu stärken, nukleare Rüstungskontrollen zu unterstützen und den Dialog zwischen den Staaten zu fördern, wie es die Charta der Vereinten Nationen vorgesehen hatte.

Wir fordern von der Bundesregierung die Einhaltung des Völkerrechts, denn Atomwaffen sind völkerrechtswidrig. Wir fordern die Unterzeichnung des Atomwaffenverbotsvertrags der Vereinten Nationen. Und wir fordern eine Beendigung der nuklearen Teilhabe, wie es bereits 2010 fraktionsübergreifend mit einer großen Mehrheit im Deutschen Bundestag beschlossen wurde.

Lasst uns gemeinsam für eine Welt eintreten, in der Atomwaffen keine Rolle mehr spielen, in der Diplomatie und Zusammenarbeit die Oberhand gewinnen und in der wir die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder nicht mehr leichtfertig aufs Spiel setzen. Lasst uns unsere Ignoranz überwinden und gemeinsam eine Welt des Friedens, der Sicherheit und der Hoffnung aufbauen.

Vielen Dank.